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Fußball | EM 2016 Ukraine: Im Klammergriff der Krise

  • Bild Andrej Jarmolenko
  • Interaktiv Der EM-Spielplan
  • BildAndrej Jarmolenko
    EM-Quali: Slovenien - Ukraine
    (Quelle: imago/GEPA pictures)
    InteraktivDer EM-Spielplan
    (Quelle: ZDF)

    von Nina Jeglinski und Frank Hellmann

    Die Ukraine ist bei der kommenden EM-Endrunde in Frankreich erster Gegner der deutschen Nationalmannschaft. Wie aber sieht es in dem von Kriegswirren geplagten Land aus? Der Fußball kann sich von den Schwierigkeiten nicht freimachen. 

    Mittlerweile herrscht klirrende Kälte in Kiew. Der Dauerfrost mit zweistelligen Minusgraden hat die Hauptstadt der Ukraine in seinen Klammergriff genommen, aber die Innenstadt verbreitet weiterhin ein wohliges Flair. Anders als in Deutschland wird bei den orthodoxen Christen das Weihnachtsfest erst am 7. Januar gefeiert. Von der Sofien-Kirche hinüber zum Michail-Kloster ist ein Weihnachtsmarkt nach deutschem Vorbild aufgebaut: Bürgermeister Vitali Klitschko hat die Idee einfach importiert.

    Ein gebeuteltes Land

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    Die Fußball-Highlights 2016 Der EM-Spielplan
    Und doch erinnert der zentrale Maidan-Platz weiter an die Ereignisse des Winters vor zwei Jahren, als 100.000 Bürger für die Absetzung des korrupten Präsidenten Viktor Janukowitsch und seiner Gefolgsleute monatelang auf die Straßen gingen. Noch immer tragen Menschen Blumen und Kerzen in die Institutska Straße, wo bei Schießereien viele Menschen zu Tode kamen. Am Unabhängigkeitsdenkmal werden Passanten weiterhin aufgefordert, Geld für die Nationalgarde und Freiwilligenbataillone zu spenden, die sich im Osten der Ukraine den russischen Separatisten entgegen stellen.

    Das gebeutelte Land ist gespalten – und mittendrin auch der Fußball. Dass die Nationalmannschaft sich für die EM-Endrunde qualifiziert hat, kam zur rechten Zeit. Der erste Gegner am 12. Juni in Lille ist Deutschland. „Das wird richtungweisend für unsere Euro sein. Der Auftakt gegen den Weltmeister wird unsere Spieler zusätzlich motivieren“, glaubt Verbandspräsident Andrej Pavelko.

    Duell gegen den Nachbarn

    Anschließend geht es noch gegen Nordirland (16. Juni) und Polen (21. Juni). „Wer die nächste Runde erreicht, wird vom Spiel gegen unseren Nachbarn abhängen“, sagt Pavelko, wohl wissend, dass fürs Turnier ein übergeordnetes Ziel besteht. „Das Wichtigste wird sein, jedes Heim und jede Familie in der Ukraine glücklich zu machen“, so der Verbandschef.

    Er selbst weist eine typische Vita auf: Der aus Dnjepropetrowsk stammende Geschäftsmann unterhielt als Parlamentsabgeordneter beste Kontakte in die Politik und gilt als Vertrauensmann des Präsidenten Petro Poroschenko. Der lud natürlich die Nationalelf nach den gewonnenen Playoffs gegen Slowenien in seinen Palast ein:  In schwierigen Zeiten taugt solch ein Schulterschluss bestens, um die fragile Einheit des Landes zu betonen.

    Zwiespalt für Superstar Jarmolenko

    Mykhailo Fomenko

    Mikhail Fomenko
    Quelle: imago/ZUMA Press

    Doch die ukrainisch-russische Demarkationslinie macht vor der Nationalmannschaft keinen Halt. Bestes Beispiel ist Superstar Andrej Jarmolenko, der noch langfristig bei Dynamo Kiew unter Vertrag steht – jener Klub, der mit Schachtjor Donezk seit Jahren den ukrainischen Fußball dominiert und im Champions-League-Achtelfinale Manchester City (24. Februar/15. März) herausfordert. Noch bevor die EM-Qualifikation begann, wurde Jarmolenko in ein Krankenhaus geschickt, um einen in der Ostukraine verwundeten Soldaten ein Trikot zu überreichen.

    Der 26-Jährige ist allerdings in St. Petersburg geboren und gilt somit für Teile der Fans als Russe. Vielleicht lässt der in der Qualifikation sechsmal erfolgreiche Rechtsaußen diesen Zwiespalt schon nach der EM hinter sich, wenn der trickreiche und torgefährliche Offensivmann im Sommer auf sich aufmerksam macht. Angeblich interessieren sich mehrere englische Vereine für ihn. Ex-Klubkamerad Artem Krawez, der bislang ein Dutzend Länderspiele bestritt, ist bereits vor dem Jahreswechsel zum Bundesligisten VfB Stuttgart ausgeliehen worden.

    Schwieriger Job für Nationaltrainer Fomenko

    Die ukrainische Liga ist geschwächt: In der Premjer Liga spielen nur noch 14 statt 18 Klubs, da die Vertreter der Halbinsel Krim sich der russischen Liga angeschlossen haben. Bald sollen es vielleicht nur noch zehn oder zwölf Teams sein, weil mehrere Vereine in massiven wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken.

    Kein einfacher Job für Nationaltrainer Mikhail Fomenko, der nach der Qualifikation wochenlang im Ungewissen schwebte, weil zunächst im Verband mal wieder Machtfragen beantwortet werden mussten. Obwohl die Fußball-Auswahl nur begrenzte Kapazitäten als Friedensstifter besitzt, ist ihr der Part als Identitätsstifter allemal zugedacht.

    In Städten wie Donezk wird kein Fußball mehr gespielt

    Schwer zu sagen, ob das blau-gelbe Ensemble stärker ist als bei der EM 2012. Bereits damals bewegte sich der Gastgeber ständig im Spannungsfeld: In zwei der drei Vorrundenspiele trat die damals noch von Oleg Blochin befehligte Nationalelf um Altstar Andrej Schewtschenko in der Donbass-Region in Donezk an, wo der russische Einfluss bereits damals weit größer war als in Kiew.

    Kritiker sahen darin eine Verbeugung vor dem mächtigen Oligarchen Rinat Achmetov, der den mittlerweile fast völlig zerstörten Flughafen und für seinen Lieblingsklub Schachtjor Donezk die Donbass-Arena gebaut hatte, das derzeit als Logistikzentrum für humanitäre Hilfe dienst.

    Fußball kann hier längst nicht mehr gespielt werden. Vergangene Saison fand die Champion-League-Partie gegen den FC Bayern deshalb im westukrainischen Lwiw statt, und auch für das Europa-League-Zwischenrundenspiel gegen den FC Schalke am 5. März muss der Klub der Bergarbeiter wieder ins Exil ausweichen. Optimale Bedingungen für den Profifußball sehen anders aus.

    07.01.2016
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