Hamilton: "Es tut weh, die Wahrheit zu erzählen"
von Jonathan SachseAls Edelhelfer von Lance Armstrong begonnen, entwickelte sich Tyler Hamilton zum Konkurrenten um den Tour-de-France-Sieg. Trotz mehrerer Dopingbefunde gab er erst Jahre später Leistungsmanipulation zu. Jetzt versucht er mit seiner Doping-Biografie Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.„Nach 13 Jahren die Wahrheit zu erzählen fühlt sich nicht gut an. Tatsächlich tut es sogar weh“, meint Tyler Hamilton. Er beschreibt die Gefühle, die ihn bewegten, als er
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„Nach 13 Jahren die Wahrheit zu erzählen fühlt sich nicht gut an.”
Tyler Hamilton
zum ersten Mal reinen Tisch machte und über seine kompletten Dopingerfahrungen sprach. An diesem Tag noch vor einem kleinen Publikum. Nur seine zwei Anwälte hörten ihm zu, als er vier Stunden über seine unlauteren Praktiken sprach. Ein Probelauf für seine Aussagen, die er einen Tag später eidesstaatlich vor der Staatsanwaltschaft wiedergab - ein großer Schritt nach Jahren voller Lügengeschichten.
Diese Situationsbeschreibung vom 21. Juli 2010 stammt aus Hamiltons Buch „Die Radsport Mafia“ (Englischsprachiges Original: „The Secret Race“), welches vor wenigen Wochen auf Deutsch erschienen ist. Gemeinsam mit dem Journalisten Daniel Coyle veröffentlichte er eine ausführliche Beichte, schildert detailliert seine Dopingerfahrungen.
Tyler Hamilton
Quelle: ap
Doping-Karriere beginnt 1997Begonnen mit einer ersten Testosteron-Pille, die er 1997 unter den beruhigenden Worten seins Teamarztes einnahm: „Das ist kein Doping. Das ist für deine Gesundheit.“ Bis zur Professionalisierung des Dopings. Trainingspläne, die ein Jahr im Voraus die Doping-Meilensteine definierten. Methoden wie Blutdoping, das bei falscher Anwendung lebensgefährlich sein kann.
Jahrelang hatte Hamilton zu lügen und zu täuschen gelernt. „Ich trat der Bruderschaft bei.“ Ein Schweigebündnis unter den Fahrern, bekannt als Omertà im Radsport. Hamilton verinnerlichte sein Unschuldsbewusstsein so sehr, dass er nach eigener Aussage selbst einen Lügendetektortest bestanden haben soll.
Mit seinem Buch, begleitet von mehreren Auftritten in den Medien und seinen Aussagen als Kronzeuge im Lance-Armstrong-Prozess der USADA, versucht er seine Glaubwürdigkeit seit zwei Jahren zurückzugewinnen. Er möchte der Öffentlichkeit über die Wahrheit berichten.
Von den Skiern aufs RadGeboren 1971 im Bundesstaat Massachusetts, begann Hamilton zunächst als ambitionierter Skifahrer. Ein schwerer Sturz bei einer Abfahrt, zwei gebrochene Rückenwirbel, zwangen ihn zum Aufbautraining auf dem Rad. Der Tritt in die Pedale gefiel ihm so sehr, dass er komplett aufs Rad wechselte.
Schon in den ersten Jahren seiner Karriere spürte Hamilton seine außergewöhnliche Begabung, Schmerzen ignorieren zu können. Besonders in Erinnerung bleibt später die Tour de France 2003, als er sich auf der ersten Etappe sein Schlüsselbein brach. Eine Verletzung, die andere Fahrer wochenlang zur Ruhe zwang, ließ Hamilton nicht vom Rad steigen.
Er erreichte drei Wochen später Paris, fuhr trotz Verletzung mit den Besten auf einem Niveau: Ein Etappensieg und Platz vier in der Gesamtwertung. Eine für unmöglich gehaltene Leistung, die sein Teammanager Bjarne Riis nach Ende der Frankreichrundfahrt mit Röntgenbildern von Hamiltons Bruch zu untermauern versuchte.
Depressionen und finanzielle EngpässeSeine ersten sportlichen Erfolge fuhr Hamilton an der Seite von Lance Armstrong ein, den er bei seinen ersten drei - mittlerweile aberkannten - Tour-de-France-Siegen von 1999-2001 als Edelhelfer begleite. In diesen Jahren gehörte er zu den engsten Vertrauten Armstrongs, erhielt exklusive Trainingsberatung und Zugänge zu Methoden von Dopingarzt Dr. Ferrari, die Armstrong nur für auserwählte Teammitglieder zuließ.
Erschwindeltes Gold: Tyler Hamilton in Athen 2004
Quelle: dpa
Die Beziehung zu Armstrong verschlechterte sich mit den Jahren. Die Freunde, Armstrong und Hamilton, teilten sich ein Haus, wurden zu Rivalen um den Tour-de-France-Sieg. Hamilton verließ das US-Postal-Team und fuhr als Kapitän für CSC und später Phonak.
Im erfolgreichsten Jahr seiner Karriere - Olympiasieg 2004 und ein Etappensieg bei der Vuelta - stoppten positive Dopingbefunde Hamiltons Karriere. Mit enormem Aufwand versuchte er jahrelang, seine nicht gegebene Unschuld zu beweisen. Depressionen und finanzielle Schwierigkeiten folgten. Erst Jahre später bekennt er sich zu seiner Dopingvergangenheit. Viele seiner Aussagen werden durch die von der USADA veröffentlichten Dokumente gegen Armstrong und sein Dopingteam belegt.