von Tino Künzel, Moskau
Illusion ist das Stichwort. Eine Illusion von Gebirge in einer Illusion vom kommunistischen Himmelreich auf Erden. Das einst so prunkvollen Moskauer Messezentrum WWZ ist Schauplatz des zweiten Parallelslaloms der laufenden Saison im alpinen Ski-Weltcup. Zdfsport.de zeigt das Rennen am Dienstag, ab 16.55 Uhr exklusiv im Livestream. Michael Pfeffer kommentiert.
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Di., 16.55 Uhr, im LivestreamDas ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich
Das Verrückteste an Moskau sind die schieren Dimensionen dieser Stadt, die offiziell zwölf Millionen Einwohner hat, mehr als Belgien, Portugal oder Tschechien. Das Zweitverrückteste ist das Allrussische Messezentrum, kurz WWZ, eine sonderbare Mischung aus Sowjetversailles, Rummelplatz und Ramschladen.
Die Rampe für den Parallelslalom
Auf dem weitläufigen Gelände von den Ausmaßen einer Kleinstadt findet am Dienstag das letzte Rennen des alpinen Skiweltcups vor der WM in Schladming statt. Wenn die Kameras dabei nur auf die 200 Meter lange Piste mit ihren 20 Toren halten, dann mag alles so aussehen wie anderswo auch, mit dem Unterschied freilich, dass der Skihang in Wirklichkeit eine Rampe ist. Die 50 Meter hohe Stahlrohrkonstruktion, auf der Russland seinen Wettbewerb im Flachland austrägt und nicht etwa in den Bergen des Kaukasus oder des Ural, passt dabei zum Surrealismus des Ortes: Das Messezentrum wurde in den Vor- und Nachkriegsjahren erdacht als Loblied auf die Planwirtschaft, hier durften die Sowjetrepubliken, wie es hieß, ihre „Errungenschaften“ präsentieren. Das gemeine Volk sollte derweil ehrfürchtig vor den opulenten Pavillons stehen und hernach zufrieden in seine Katen zurückkehren, bestärkt im Glauben, die lichte Zukunft sei schon angebrochen.
20.000 Zuschauer erwartetWer Stalins Garten Eden heute durch das monumentale Eingangstor betritt, muss erst einmal an Marktschreiern vorbei, die zu Pelzmantelverkäufen, Honigverkostungen oder Schmetterlingsausstellungen einladen. Das Pathos der Anlage wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion übergangslos durch kleinkapitalistischen Kommerz verdrängt, flankiert von zweitklassigen Fahrgeschäften, Schießbuden und anderem Amüsement. In dieser Wundertüte ist nun auch der Weltcup gelandet.
Parallelslalom
Beim Parallelslalom entscheidet nicht die beste Zeit, sondern der direkte Vergleich. Jeweils zwei Fahrer starten gleichzeitig auf parallel gesteckten Pisten. Der Sieger erreicht jeweils die nächste Runde. Bei den Zuschauern erfreuen sich solche Duelle großer Beliebtheit. Der Weltverband FIS führt sie als „City Event“ zweimal im Weltcupkalender: in München und in Moskau. In der laufenden Saison werden dabei erstmals nicht nur Punkte für den Gesamtweltcup vergeben, sondern auch für die Slalomwertung. Den Münchner Parallelslalom am 1. Januar auf dem Olympiaberg gewann der Deutsche Felix Neureuther.
Olga Tscherbakowa freut sich drauf. Die Hauptbuchhalterin einer kleinen Moskauer Firma flaniert ohnehin gern durch die Alleen des WWZ und schnallt sich auch mal Inlineskates unter oder jetzt im Winter Schlittschuhe. Das Slalomspektakel ist ein schöner Bonus, den sie sich nicht entgehen lassen will. Neulich war sie beim Biathlon in Oberhof: „Und prompt haben unsere Läuferinnen endlich mal was gewonnen.“ Im alpinen Skizirkus sind die Russen allerdings so weit weg von der Weltspitze, dass auch ein Glücksbringer nichts ausrichten kann. Trotzdem werden mindestens 20.000 Zuschauer erwartet. So viele kamen zur Premiere vor einem Jahr, als in Moskau erstmals um Punkte gefahren wurde. Damals belegte Felix Neureuther den zweiten Platz.
Lenin sieht nichtsDie Rampe für den Weltcup wurde diesmal innerhalb von sechs Wochen errichtet. Pech hat Oberrevolutionär Lenin auf seinem Sockel: Er bekam die Rückseite des Gerüsts vor die Nase gesetzt und kann damit nur einen Blick auf die Sportler werfen, wenn die den Fahrstuhl zum Startbereich besteigen.
Das Lenin-Denkmal hinter dem künstlichen Hügel
Moskau ist bereits zum vierten Mal Gastgeber der Weltcup-Elite. Zwei Rennen im Jahre 2009 waren jedoch Schaukämpfe. Die künstliche Piste wurde jedes Mal an einem anderen Ort aufgebaut, teils um neue Zielgruppen zu erschließen, teils gezwungenermaßen. Im Vorjahr ging der Wettbewerb im Schatten des Luschniki-Stadions über die Bühne. Doch Russlands einzige Fünf-Sterne-Arena, in der sich 2008 Manchester United und der FC Chelsea im Champions-League-Finale gegenüberstanden, wird derzeit aufwändig umgebaut. Im August sollen hier die Teilnehmer der Leichtathletik-WM beste Bedingungen vorfinden. Und 2018 ist das Stadion Finalort der Fußball-WM.