Handball - WM
Die Nobodys vom Zuckerhut
Brasilien: Handball-Exot mit Ambitionen
Krasse Außenseiter gegen Vollprofis
Abgezockte Profis aus der stärksten Handball-Liga der Welt gegen blutige Amateure: Die WM-Auftaktpartie Deutschland gegen Brasilien (heute, 16 Uhr/ARD) erscheint als ungleiches Duell. Die jüngste Geschichte aber verbietet Hochmut.
Sie sind, von drei Ausnahmen abgesehen, eine Truppe der Namenlosen. Welcher Handballexperte hat je schon gehört von Vinicíus Santos Texeira? Oder von Arthur Malburg Patrianova? Und dennoch warnt Manfred Prause, der höchste Schiedsrichterfunktionär des Weltverbandes IHF, vor Brasilien, den krassen Außenseiter der Gruppe A, auf den die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) zum Auftakt der 23. WM in Granollers trifft. „Man kennt die Südamerikaner nicht“, sagt der deutsche Schiedsrichter des Olympiafinales von 1988. „Aber sie bereiten sich akribisch auf diese Turnier vor.“Die Mannschaft ist gewarnt Bundestrainer Martin Heuberger wird den ersten Gegner sicher nicht unterschätzen. Zu präsent ist noch die Auftaktpartie zur WM 2007 in Berlin, als der Gastgeber sich (mit Co-Trainer Heuberger) gegen die unbequem und unorthodox agierenden Südamerikaner zu einem 27:22-Sieg quälte. Und auch der 32:20-Sieg Brasiliens gegen Serbien bei der WM 2009 ist eine Art Mahnmal gegen Selbstüberschätzung.
Seinen Kollegen Jordi Ribera dürfte Heuberger um die Vorbereitungszeit indes ziemlich beneiden. Am 11. Dezember hat der Katalane, der Brasiliens Nationalteam schon zwischen 2004 und 2008 coachte, den Kader zusammengezogen. Zunächst lag der Schwerpunkt auf der Kondition, denn die meisten brasilianischen Handballer sind lupenreine Amateure. Das Leben, das etwa der Rechtsaußen Renato Rui führt, wäre in der Bundesliga eher nicht denkbar.
Olympia-Gastgeber setzt auf Neuaufbau Rui, der in Hannover, Wilhelmshaven, Lübbecke und zuletzt bei der TG Münden sein Geld als Profi verdiente, studiert inzwischen und wirft seine Tore für Metodista Sao Paolo. Morgens, berichtet Rui, geht er ein paar Schritte zum Strand und schwimmt ein paar Meter, bevor er zur Uni fährt. Nachmittags: eine Trainingseinheit. „Und abends grillen wir bei einem schönen Lagerfeuer.“
Allerdings ist der Rechtsaußen nun den Olympischen Spielen von 2016 zum Opfer gefallen. Nicht wegen seines paradiesischen Lebens. Der 33-Jährige ist schlicht zu alt für das olympische Turnier in Rio de Janeiro, weshalb er nur im 28er-Kader auftaucht. Trainer Ribera setzt vor dem Höhepunkt in der Geschichte des brasilianischen Handballs konsequent auf den Neuaufbau und gibt der Jugend den Vorzug. Der eingangs erwähnte Arthur etwa ist erst 19 Jahre alt. „Wir denken an die Gegenwart und an die Zukunft“, sagt Ribera. „Wir müssen den jungen Spielern auch die Chance auf internationale Erfahrungen einräumen – auch auf Kosten nicht ganz so guter Ergebnisse.“
Heimspiel für Trainer Ribera Nur zwei aktuelle Spieler kennen das harte Leben eines europäischen Handballprofis: Der 23-jährige Thiagus Petrus Goncalves dos Santos, Halblinker bei Naturhouse La Rioja, einem Klub des mittleren Niveaus in der spanischen Liga Asobal. Und Felipe Borges Dutra Ribeiro, Linksaußen beim Champions League-Klub Ademar Leon. Der 27-Jährige, der schon einmal zwei Jahre in Saragossa unter Vertrag stand, gilt als der beste Flügelspieler des amerikanischen Kontinents. „Ich habe viele Freunde in Spanien“, sagt Borges. „Das wir hier die WM spielen, ist sehr speziell für mich.“
Die spanischen Zuschauer im Sportpalast dürften aber nicht wegen der beiden brasilianischen Legionäre eher auf Seiten der Südamerikaner stehen. Sondern wegen des Trainers. Ribera hat gewissermaßen ein Heimspiel als ein Sohn der Region. Der 48-Jährige, der das Verbandsteam im Sommer wieder übernommen hat, wurde im etwa 100 Kilometer entfernten Girona geboren.





