Zwischen Hochgefühl und Frustvon Susanne Rohlfing
Der Turner Philipp Boy (Am Samstag ab 23 Uhr zu Gast im aktuellen sportstudio gemeinsam mit Ronny Ziesmer und Marcel Nguyen) hat den Erfolg kennengelernt und den tiefen Fall, die zwei Seiten des Spitzensports. Als Vizeweltmeister reiste er zu den Olympischen Spielen in London, enttäuscht kehrte er zurück. Daraufhin beendete er mit 25 Jahren seine Karriere – als junger Mann, aber müder Athlet.
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„Kaum hast du etwas gewonnen, musst du dich schon wieder der Konkurrenz erwehren”
Bundestrainer Andreas Hirsch
Sein Traum war der ultimative Erfolg. Er wollte auf der größtmöglichen Bühne brillieren, die sein Sport zu bieten hat: Olympia. Die Voraussetzungen schienen perfekt, 2010 war Philipp Boy Vizeweltmeister im Mehrkampf geworden. Im Jahr darauf wurde der Turner aus Cottbus erneut WM-Zweiter und zudem Europameister im Mehrkampf. Dann kamen die Olympischen Spiele von London, faszinierende Bilder vom Turnen flimmerten um die Welt.
Weinender BoyAthleten, die alle Grenzen des menschlichen Körpers zu sprengen schienen und das so sportbegeisterte britische Publikum machten die Wettkämpfe an den sechs Geräten, die traditionell zu den meist beachteten Olympischer Spiele gehören, zu einem herausragenden Spektakel. Und Philipp Boy? Sein großer Traum platzte. Andere siegten und sammelten Medaillen. Er weinte.
Anfang Dezember beendete Boy schließlich seine Karriere. Bundestrainer Andreas Hirsch hatte sein Bestes gegeben, das zu verhindern. Selbst Fabian Hambüchen setzte die Welt via Twitter von seinem „komischen Gefühl“ in Kenntnis, bald ohne Boy mit dem Nationalteam der Turner antreten zu müssen. Hirsch, der den deutschen Spitzenturner-Jahrgang 1987 hat heranreifen sehen, beschreibt das Dilemma, in dem Boy am Ende steckte, so: „Als 18-Jähriger geht es nur vorwärts, da lebst du im Jetzt.“
Trainings-MühleJe älter ein Athlet werde, desto schwerer falle ihm jedoch diese Sichtweise. Und wenn sich der große Traum dann in Luft auflöst, ist es sehr schwer, weiterzumachen. Für jeden Spitzensportler. Aber eben besonders für Turner, die seit frühester Kindheit in den Mühlen des täglichen Trainings stecken.
Hirsch betrachtet das sachlich. „Jeder muss sich immer wieder hinten anstellen, es gibt keinen, der irgendetwas gepachtet hat.“ Niemand könne das Hochgefühl eines Triumphes lange auskosten. „Kaum hast du etwas gewonnen, musst du dich schon wieder der Konkurrenz erwehren.“ Das aushalten zu können zeichne einen Athleten ebenso aus wie seine sportlichen Fähigkeiten. Philipp Boy ist 25 Jahre alt. Ein junger Mann. Aber als Turner bereits des ewigen Druckes müde.
Des ewigen Drucks müdeFür seinen Rücktritt gab er vornehmlich zwei Gründe an: Angst und Frust. Es sind überzeugende Gründe. Ein Turner, der sich fürchtet, der seinem Körper nicht mehr zutraut, die Grenzen zu sprengen, kann nicht länger diese Mischung aus Perfektion und Eleganz präsentieren, mit der Boy zu seinen besten Zeiten brillierte. Und ein frustrierter Turner, einer, der findet, dass Aufwand und Ertrag nicht im richtigen Verhältnis zueinander stehen, der kann sich nicht länger quälen.
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„Ich hatte eine Bremse im Kopf”
Philipp Boy
„Ich hatte eine Bremse im Kopf“, so beschrieb Boy im Dezember seine letzten zwölf Monate als Turner. Ein Sturz vom Reck ein Jahr zuvor war für ihn zwar körperlich glimpflich ausgegangen, hatte aber Spuren in seiner Seele hinterlassen. „Seitdem konnte ich die Stange einfach nicht mehr loslassen, ich habe mir zu viele Gedanken gemacht“, sagte Boy. Auch über seinen ehemaligen Trainingskollegen Ronny Ziesmer, der seit einem schweren Trainingsunfall vor acht Jahren querschnittsgelähmt ist.
Finanzen stimmten nichtDazu das Empfinden, für den erbrachten Aufwand und die gesammelten Triumphe nicht angemessen entschädigt zu werden. Boy hat 2009 seine Ausbildung zum Bankkaufmann abgebrochen, um sich als Sportsoldat voll und ganz dem Turnen zu widmen.
Am Ende lautete sein Fazit: „Trotz aller Erfolge reicht der Sport nicht, um sich eine Altersversorgung aufzubauen.“ Der sportliche Durchbruch war Boy 2010 gelungen, der finanzielle jedoch blieb im deutschen Turnen bislang Fabian Hambüchen vorbehalten. „Es ist schon sehr schade, wenn das nur bei einem einzigen von uns klappt“, sagte Boy. Als dritter im Bunde des glorreichen 87er Jahrgangs könnte das aber auch Marcel Nguyen noch schaffen. Sein Traum ging in London in Erfüllung: Er wurde Olympiazweiter im Mehrkampf. Und er macht vorerst weiter.